charlotte

ein appartement – viele bewohner im laufe der zeit – irgendwie verbunden durch dinge, die sie finden

(irgendwann um 2004)
eine art telenovela ohne tv (und ohne ende) über papageien, toilettenverkleidungen und orangenmarmelade.

achtung! du brauchst gute nerven und ganz viel zeit.

freuleinzapf hat sich selbst verzettelt. zu viele bewohner. zu viele dinge. zu viele verwicklungen. geschichten in der geschichte. ohne übergang. ohne kennenlernen. gleich rein. die totale überdosis von allem. einfache texte. profane bilder zur unterstützung. easy peasy. oder einfach nur halbwegs strukturierter unfug. trotzdem irgendwie zu schade für die westentasche.

1. der einzug

Lilly war damals Vertreterin für Orangenmarmelade. Hausgemacht. Dabei lebte sie in einer kleinen Einzimmerwohnung mit einem Fenster. In der Ecke befand sich ein Bett an dessen Kopfende eine ganze Menge Bilder hingen.

Neben dem Bett stand ein unpraktischer Tisch. Er hatte die Form einer Kugel und war mit einer klebrigen Masse überzogen, die alle zwei Wochen erneuert werden musste. Hatte man dies einmal vergessen, viel alles runter. Deshalb, und weil wohl manchmal Gläser mit Rotwein zu tief angeklebt wurden, befand sich der Teppich darunter in einem sehr desolaten Zustand.

Der Teppich, ursprünglich eierschalenfarben, konnte eine Menge interessanter Geschichten erzählen. Da gab es zum Beispiel einen sehr energischen Fleck ziemlich am Rande des Teppichs. Der Fleck zog sich die halbe Wand hoch. Es war Eierlikör. Eine ältere Dame, damals Untermieterin, hatte mit ihrem Dackel ausgiebig ihren Geburtstag nachgefeiert. Eigentlich hatten sie ihre letzten vier Geburtstage nachgefeiert.

traude, susi (papagei) und otto (dackel)

Seitdem Susi, ihr Papagei, verstorben war, hatte Traude keine Lust mehr am feiern. Schon gar nicht alleine. Irgendwann stand Otto vor der Tür. Ein raubeiniger Dackel. Sie hatte ihn nie gefragt, woher er kam. Eigentlich war es ihr auch egal. Hauptsache sie war nicht mehr alleine.

Wenn sie Otto genug zu trinken gab, konnte sie ihm ihr Leben erzählen. Und das tat sie nur zu gerne. Tag für Tag. Otto war hart im nehmen und mit selbst gemachtem Eierlikör erst recht. An diesem Abend lagen sie gemeinsam im Bett und prosteten sich gemütlich zu. Das einundzwanzigste mal an diesem Abend. Plötzlich und mitten im Satz wurde Traude still. Sie war erst ein- und dann überraschend entschlafen. Mit einem Lachen auf dem mit Eierlikör verschmiertem Gesicht.

Otto fiel dies erst einige Minuten später auf, da er die Geschichten schon tausendmal gehört und es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, die Erzählungen in Gedanken fortzusetzen. Und zwar Wort für Wort. Am Ende wollte er gewohnheitsmäßig mit ihr anstoßen. Doch weil ihr Glas nicht an der erwarteten Stelle auftauchte, schlug sein Glas an die Wand und zerschellte. Der Eierlikör landete auf dem Teppich. Otto versuchte noch einen Teil des Likörs vom Teppich zu lecken, dabei verhedderten sich die langen Fransen des Teppichs in seinem Hals und Otto wäre fast daran erstickt.

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Aber von alledem wusste Lilly nichts, als sie damals das Wohnungsinserat in der Zeitung las: möblierte Einzimmerwohnung an Dame plus Haustier günstig abzugeben. Glücklicherweise hatte Elmar noch einen alten Goldhamster über. Der besaß den schwarzen Gürtel in Gymnastik. Hausfrauengymnastik. Das war praktisch. Vor allem die Bohnerübung. Aber das wollte sich erst später herausstellen.

Mit dem Hamster unter dem Arm stand sie vor dem Haus. Es gab nur eine Klingel mit Namen. Das war einfach. Ein Mann in ausgebeulter Cordhose öffnete die Tür. Der Hamster übernahm sofort das Gespräch. Die beiden verstanden sich gut. Selbst Lillys extravagante und etwas seltsam anmutende Kleidung konnte er sehr überzeugend erklären. So überzeugend, dass die Cordhose einer näheren Kontaktaufnahme nicht abgeneigt schien. Doch auch das meisterte der Hamster ohne Probleme. Er schob sich scheinbar unauffällig und ins Gespräch vertieft zwischen sie und den vermeintlichen Vermieter. Vor sich hin lamentierend und ein wenig verwirrend berichtete er von seiner letzten Wohnungsbesichtigung. Die lag noch gar nicht so lange zurück. Vielleicht ein halbes Jahr.

gustav (hamster) und elmar

Ein Freund hatte ihm von einer günstigen Wohnung berichtet. In einer ruhigen Seitenstrasse am Stadtrand. Gustav fuhr mit der Drei. Bis zur Endstation. Dann musste er noch zwei Kilometer zu Fuß gehen. Für einen Hamster eine lange Strecke. Obwohl er, wie viele andere Hamster auch, durch sein jahrelanges Training im Laufrad sehr gut in Form war. Völlig entkräftet erreichte er das Mietshaus. Es waren sogar zwei Wohnungen frei. Beide im Erdgeschoss. Das war praktisch, doch nicht ganz grundlos. In der ersten Etage wohnte eine Großfamilie. Ein ganzer Batzen afrikanischer Termiten, die erst vor einem Jahr eingewandert waren, lebte dort in einer Zweizimmerwohnung. Sie hatten schon fast das gesamte Treppenhaus zerlegt. Das war auch der Grund, warum sich inzwischen die meisten Bewohner aus den oberen Etagen im Hausflur breit gemacht hatten. Sie verweigerten die weiteren Mietzahlungen und nutzten die Sanitäreinrichtungen im Erdgeschoss. Gustav hatte zwar lange Zeit auf der Strasse gelebt, aber so etwas war ihm bisher nicht untergekommen.

Gustav entdeckte ein Telefonhäuschen und nach einiger Zeit fand er in den Tiefen seiner Backentaschen Elmars Telefonnummer. Elmar schien nicht sehr erfreut seine Stimme zu hören. Nach einigem hin und her und nachdem Elmar seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte, nannte er ihm die Nummer einer Frau, die auf Wohnungssuche war und dringend irgendeine Art Haustier vorweisen musste.

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Nachdem sie sich mit der Cordhose über die Nebenkosten einig geworden waren, unterzeichnete Lilly den Mietvertrag. Der Umzug war recht unproblematisch. Zum einen, weil die neue Wohnung recht klein und zum anderen weil sie fast komplett möbliert war. Außerdem besaß Lilly nicht viel. Das Klavier, das sie vor ein paar Jahren von ihrem Onkel bekommen hatte, verkaufte sie. Ein Glück, dass ihre Großeltern schon im Himmel wohnten, denn es hätte garantiert einige Diskussionen diesbezüglich gegeben. Für dieses Klavier hatten ihre Großeltern lange Zeit, an allem was ihnen möglich war, gespart. Sogar das Toilettenpapier, zuletzt übrigens Tageszeitungen, die sie sich aus dem Altpapier holten, wurde rationiert.

lillys großeltern und der pianist

Irgendwann war ein reisender Pianist ins Dorf ihrer Großeltern gekommen. Er sah um einiges besser aus, als er spielte. Deshalb waren seine Konzerte meistens ausverkauft. Auch ihre Großmutter besuchte eines dieser Konzerte. Kurze Zeit später besuchte der Pianist ihre Großmutter. Sie war alleine. Ihr Mann saß in der Dorfkneipe und unterhielt sich mit seinen Freunden. Über den Pianisten. Der war, kaum im Dorf angekommen, Gesprächsstoff Nummer Eins. Zum Glück wollte er am nächsten Sonntag das Dorf verlassen. Während sich also ihr Großvater über den Pianisten echauffierte, zeugte ihre Großmutter mit eben jenem, Lillys Mutter.

Ihre Großeltern haben nie darüber gesprochen, aber man hatte das Gefühl, jeder wusste Bescheid. Das Klavier war wichtig. Für ihre Großmutter. Und für ihren Großvater. Sonst interessierte es eigentlich niemanden in der Familie. Außer ihrem Onkel. Der war zwar nicht musikalisch, aber die Tastatur war ihm sehr ähnlich. Schwarz und Weiß. Genau wie das Leben ihres Onkels. Kompromisslos. Als ihr Onkel aus beruflichen Gründen auswanderte, ließ er außer seiner Familie auch das Klavier zurück.

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Da Lillys Eltern nicht mehr vollständig waren und der Teil, der noch am Leben war, im Heim lebte, bekam sie das Klavier. Sie nutzte es lange Zeit als Kleiderschrank. Jetzt hatte sie es verkauft. Viel bekam sie nicht dafür. Das Geld würde noch nicht mal für einen neuen Kleiderschrank reichen, aber es war immer noch preiswerter als ein Klaviertransport. Der Rest ihrer Sachen passte in zwei Frühstückstüten.

2. das kennenlernen

Lilly saß auf dem Bett. Gustav klebte am Tisch. Es war das erste Mal, dass sie alleine waren. Eine merkwürdige Situation. Selbst Gustav, der bisher nie in die Verlegenheit der Wortlosigkeit kam, war ruhig. Es war so still, dass sie sich atmen hören konnten. Es entwickelte sich eine Art Wettbewerb. Erst: wer kann ruhiger atmen, dann: wer kann am längsten nicht atmen. Hätte Lilly nicht vorzeitig den Wettbewerb abgebrochen und somit unausgesprochen verloren, wäre Gustav wohl nicht mehr am Leben. Denn selbst durch das dicke Fell konnte man erkennen, wie sich sein Gesicht blau verfärbte. Goldhamster können nicht verlieren. Selbst wenn es sie ihr Leben kostet. Nachdem sich Gustav wieder erholt hatte, begannen sie ein Telefon zu suchen. Sie wollten Elmar über ihre neue Adresse informieren. Denn Lilly wusste, dass Elmar eigentlich noch sehr an Gustav hing.

Obwohl die Wohnung nicht sehr groß war, suchten sie zwei Stunden lang. Dies lag unter anderem auch daran, dass sie viele andere interessante Dinge fanden. Auch eine alte Karaffe. Mit Blumen drauf und Eierlikör drin. Nachdem sie sich das Familienalbum der Heinrichs angeschaut hatten, welches sie in einer blitzblank polierten Blechdose entdeckten, war der Eierlikör leer. Der war zwar nicht mehr ganz so lecker, aber er hatte viele lustige Nebenwirkungen. Die Heinrichs schienen alle viel zu große Köpfe zu besitzen, an denen irgendjemand mit Flüssigklebstoff links und rechts Wollpuschel geklebt hatte. Rosa Wollpuschel. Irgendwie kamen ihr diese Puschel bekannt vor. Doch momentan konnte Lilly keinen klaren Gedanken mehr verfolgen. Glücklicherweise erging es Gustav ebenso. So konnten sie, eine den Umständen entsprechende, aber für beide verständliche, Konversation führen.

Die Suche nach dem Telefon war in den Hintergrund getreten. Und wäre Gustav nicht zufällig über einen Strick gestolpert, hätten sie es garantiert komplett vergessen. Der vermeintliche Strick war in Wirklichkeit ein Kabel. Ein Telefonkabel. Man erkannte dies erst auf den zweiten Blick, da es über einen Durchmesser von fünf Zentimetern verfügte. Ursprünglich befand sich in der Wohnung mal ein Callcenter. Vierundzwanzig Telefonistinnen waren hier beschäftigt. Aber das konnten sie nicht wissen. Jetzt freuten sie sich erst einmal über das am anderen Ende der Leitung befindliche Telefon, wenngleich es nicht mehr das allzu neueste Modell zu sein schien.

Elmar war hörbar gerührt. Mit Gustav wollte er jedoch nicht sprechen. Lilly beschrieb ihm ihre neue Wohnung und berichtete von Gustavs Sprachbegabung bezüglich der Cordhose. Dann legte Elmar auf. Ohne sich verabschiedet zu haben. Gustav konnte oder wollte sich nicht dazu äußern und sprach den ganzen Abend kein Wort mehr. Er klebte sich rücklings an den Tisch und stellte sich schlafend.

3. marmeladenproduktion

Am nächsten morgen war erstmal alles vergessen. Sie waren damit beschäftigt ihre Sachen auszupacken. Es gab noch einige kleinere Streitereien um die besten Plätze in den Regalen, aber das war nicht wirklich dramatisch, da Gustav ohnehin die meisten seiner Habseligkeiten in seinen Backentaschen herum trug und die zwei Frühstückstüten von Lilly auch nicht wirklich viel Platz beanspruchten. Als sie anschließend bei einer heißen Tasse mittelwarmer Schokolade am Küchentisch saßen, entdeckten sie einen großen Topf mit vielen Knöpfen und Schaltern. Einen ähnlichen Topf hatte Lilly schon einmal bei ihrer Großmutter gesehen, die darin Marmelade zuzubereiten pflegte. Die beiden kamen auf die glorreiche Idee mit selbst gemachter Orangenmarmelade ihren künftigen Lebensunterhalt zu verdienen.

Orangen deshalb, weil Gustavs Onkel eine kleine Farm im Süden besaß und sie so relativ kostengünstig an die Früchte gelangen konnten. Außerdem brauchten sie ihm erst nach den ersten hundert verkauften Gläsern einen kleinen Abschlag zu zahlen. Gustavs Onkel war nicht auf das Geld angewiesen, denn er hatte als junger Mann mit einem Patent für Schuheinlagen für Linksfüßler ein Vermögen gemacht.

Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, schafften sie es auch eine ansehnliche und wohlschmeckende Masse aus den Orangen zu erzeugen. Auf den ersten Blick erinnerte sie zwar noch eher an ein Zitronensoufflé als an eine Orangenmarmelade, aber mit ein wenig künstlerischer Begabung meisterten sie auch dies. Nun kam der schwierigste und langwierigste Teil. Das Etikett. Drei Jahre stritten sie. Alleine zwei Jahre verbrachten sie mit der Suche nach einem Namen.

Sie einigten sich auf Charlotte. Wie sie auf diesen Namen kamen, wissen sie heute selbst nicht mehr. Aber damals erschien ihnen dieser Namen überaus passend. Es war außerdem der Vorname von Gustavs Tante. Und als sein Onkel diesen Namen ins Spiel brachte, natürlich nicht ohne darauf hinzuweisen, dass unter diesen Umständen die Zinsen für den Orangenkredit hinfällig würden, war die Sache klar. Den beiden war gar nicht aufgefallen, dass im Vorfeld niemals über Zinsen gesprochen wurde. Hauptsache sie mussten keine zahlen.

Im Tante Emma Laden von Herrn Heinrich besorgten sie sich Papier und Stifte. Bei den Farben waren sie sich schnell einig. Beide liebten türkis. Die Wahl eines passenden Motivs gestaltete sich jedoch nicht ganz so einfach und so sollte das Losverfahren entscheiden. Zur Wahl standen: Lillys Lieblingsfoto – ein rosa Raddampfer und Gustavs Zeichnung – ein Apfel. Es gewann der Raddampfer.

Inzwischen war, die ohnehin nicht allzu große Wohnung, schon regelrecht überflutet von Orangenmarmelade. Während die nächsten 12 Gläser Marmelade vor sich hin kochten, lagen sie auf dem Bett herum und betrachteten zum ersten Mal die Bilder am Kopfende. Es dauerte einen Moment, bis sie begriffen, dass die Bilder anscheinend die bisherigen Bewohner ihrer Wohnung zeigten. Die Personen waren alle auf dem Bett liegend oder sitzend aufgenommen worden. Das Bett kam ihnen seltsam bekannt vor, und als sie sich die Matratzen auf den Fotos genauer ansahen, bemerkten sie, dass es immer dieselbe Matratze war. Genau die Matratze, die sich momentan unter ihnen befand. Das war ein seltsames Gefühl. Sofort begann es sie zu jucken und sie mussten sich erstmal gegenseitig abkratzen. Sie legten die Küchentischdecke aufs Bett um die schlimmsten Gedanken zu vertreiben.

4. das fotoalbum

Dann widmeten sie sich wieder den Bildern. Auf einem Bild konnten sie eine ältere Dame erkennen, die sich mit einem Dackel zuprostete. Am Tisch neben dem Bett klebte eine Karaffe. Die Karaffe kannten sie. Aus ihr hatten sie den schon leicht ranzigen Eierlikör getrunken. Fast gleichzeitig fingen beide an zu lachen, weil ihnen das Fotoalbum wieder einfiel, in welches die Personen mit den viel zu großen Köpfen eingeklebt waren.

die heinrichs

Die Heinrichs besaßen tatsächlich viel zu große Köpfe, was auf den Bildern noch deutlicher hervortrat. Deshalb hatten sie es sich zur Angewohnheit gemacht, sich wann immer es ihnen möglich war, nach hinten zu beugen. Dazu trugen sie viel zu große Hüte. So wirkten ihre Köpfe etwas kleiner. Der, bei den Heinrichs von Geburt an vorhandene Hohlraum im Kopf, wurde von Generation zu Generation immer größer. Heinrich Heinrich, übrigens der Urgroßvater von Tante Emma Heinrich, war Bauer und kam eines Tages auf die Idee, mithilfe einer Melkmaschine, die überschüssige Luft aus seinem Kopf abzusaugen. Es gelang ihm tatsächlich seinen Kopf um ein Drittel schrumpfen zu lassen. Diese, zwar ein wenig grobschlächtige Methode, wurde fortan bei allen Mitgliedern der Heinrichs angewandt, so dass die Heinrichs fast normal aussahen.

Aber auf ihre Hüte konnten sie nicht mehr verzichten. Im laufe der Jahre hatten sie sich so an sie gewöhnt, das es ihnen jetzt unmöglich war in Zukunft unbehütet zu leben. Heinrich Heinrich ging damals gerne auf Trödelmärkte. Dort fand er auch die rosa Wollpuschel. Eine kleine Dame mit riesiger Brille produzierte diese sehr praktischen Dinger. Mit ihnen konnte er seinen inzwischen viel zu großen Hut fixieren, indem er sie links und rechts am Kopf platzierte. Außerdem hielten sie die Ohren schön warm. Fortan ging er jeden Sonntag auf den Markt um bei der kleinen Dame ein paar Wollpuschel zu kaufen. Er verteilte die vielen Wollpuschel in seiner Familie und schuf so, ohne es zu wissen, das neue Familienwappen der Heinrichs.

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Gustav hatte das Fotoalbum der Heinrichs hervorgekramt. Und als sie jetzt, ohne den geringsten Schluck Eierlikörs getrunken zu haben, die Bilder betrachteten, erschraken sie ein wenig. Denn die Köpfe waren tatsächlich zu groß. Zumindest auf den ersten Seiten des Buches. Nachdem sie sich bis zur Mitte vorgekämpft hatten, stellten sie fest, dass sich die Größenverhältnisse relativierten. Die Köpfe schienen kleiner zu werden. Aber die Personen sahen ein bisschen aus, wie diese extrem faltige Hundeart. Sie mussten ständig vor und zurück blättern um die Bilder den unterschiedlichen Personen zuordnen zu können. Das war nicht leicht.

Nach einigen Verwirrungen und kleineren Streitereien fingen sie an, die bisher zugeordneten Bilder, mit Nummern zu versehen. Sehr vorsichtig, mit winzigen Bleistiftkennzeichnungen. Heinrich Heinrich bekam die Zwölf. Heinrich der Zwölfte war auch der Erste, bei dem sie die rosafarbenen Wollpuschel entdeckten. Es sah aus, als hätte er damit versucht seinen viel zu großen Hut zu fixieren. Gerade, als sie zur letzten Seite umblättern wollten, geschah es, dass sich der große Kochtopf Hals über Kopf vom Herd stürzte. Der Deckel flog nach oben. Dicht verfolgt von der Marmelade. Sie ließen das Fotoalbum stehend liegen und rannten in die Küchenecke. Die Wohnung bestand nämlich tatsächlich nur aus einem Raum. Selbst die Toilette war darin integriert. Man konnte sie aber mit Hilfe von speziell angepassten und sehr blumigen Sitzkissen in einen bequemen Sessel verwandeln.

herr fünfsinn, maria und harald

Herr Fünfsinn brachte diese besondere Form der Toilettenverkleidung damals aus Italien mit. Jeden Sommer fuhr er nach Capri. Und jedes Mal reservierte er sich den gleichen Liegeplatz im gleichen Schlafwagen. Er liebte es im Schlaf zu reisen. So verlor er keine Zeit. Denn er gönnte sich nur eine Woche Urlaub im Jahr. Und dies auch nur auf anraten seines Arztes. Meistens lag er auf dem Balkon seines Pensionszimmers in der Sonne rum. Denn er sprach kein Italienisch.

Vor seinem vierten Italienurlaub musste er seiner Vermieterin versprechen ihr ein Souvenir mitzubringen. Also blieb ihm nichts anderes möglich, als zum ersten Mal die Pension zu verlassen. Er legte dieses aufregende Ereignis an den Anfang seines Urlaubs. So hätte er danach noch ein paar Tage, um sich davon zu erholen. Den ganzen Vormittag schon versuchte er sich durch aus- und einpacken, hin und her schieben, aufstehen und hinlegen vor dem Verlassen der schützenden Pension zu drücken, als es zum Essen läutete.

Nach dem Mittagessen gönnte er sich erst einen und dann noch vier Gläser Ramazotti. Dann ging er los. Er hatte sich einen Sprachführer besorgt und auch schon einige relativ komplexe Formulierungen auswendig gelernt, die er für notwendig hielt. Er schaffte es ohne größere Vorkommnisse bis zum Marktplatz vor dem Rathaus. Mitten auf dem Platz stand ein Springbrunnen. Eine halbnackte Frau aus Marmor spuckte Wasser aus ihrem Mund. Im Hochsommer, wenn das Wasser rar wurde, lief ihr nur ein kleines Rinnsal den Hals herunter. Deshalb stellten die Stadtwerke den Brunnen im Sommer oftmals aus. Aber jetzt war es Frühling und die Frau spuckte, was das Zeug hält.

Herr Fünfsinn stand schon einige Zeit vor der steinernen Frau, als ihm jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Er drehte sich um und sah einen Mann im Smoking. Als dieser den Mund öffnete, wollte er automatisch vor dem Wasserstrahl in Deckung gehen. Doch es kam kein Wasser. Der Mann sprach italienisch. Nach einigem hin und her begriff er, dass der Smoking ihn nur in ein Café am Rande des Platzes locken wollte. Das kannte er von zuhause. Er betrieb ein florierendes Callcenter mit über zwanzig Angestellten. Aber jetzt war er im Urlaub und wollte nicht weiter über seine Arbeit nachdenken. Es war ja nicht das erste Mal, dass er seine Damen alleine ließ, außerdem hatte er sie, wie immer, genauestens über ihre Aufgaben instruiert.

Er ließ den Smoking stehen und entdeckte einen kleinen Laden mit einem großen Schild: Souvenirs. Hier war er richtig. Als er die Tür öffnete, hörte er die Glocken von Big Ben. Im Laden stand eine junge Frau in englischer Schuluniform. Irgendwie sah es im Laden nicht unbedingt italienisch aus. Aber die junge Frau gefiel ihm. Als er seinen Sprachführer aufschlagen und ein paar sinnige Wörter raussuchen wollte, sprach sie ihn an. Er konnte sie ohne Probleme verstehen, denn sie sprachen die gleiche Sprache. Dann ging alles recht schnell. Ihnen blieben gerade mal fünf Tage Zeit ihre Abreise vorzubereiten. Marias Mutter musste sich beeilen die Mitgift fertig zu stellen. Denn so schnell hatte niemand in der Familie mit einer Verlobung Marias gerechnet. Sie hatte nie den kleinen Laden ihrer Eltern verlassen und englische Schuluniformen waren unter der italienischen Jugend auch nicht gerade sehr beliebt. Doch Herrn Fünfsinn gefiel gerade diese Art sich zu kleiden.

Die Mitgift bestand aus mehreren floral bestickten Sitzkissen für die Toilette. Nach einer kleinen Abschiedsfeier im engsten Familienkreis reisten sie zusammen im Nachtzug in Richtung seiner kleinen Wohnung. Er war sehr aufgeregt, denn es war das erste Mal, dass er in einem normalen Abteil reisen musste, da so kurzfristig keine Plätze im Liegewagen zu bekommen waren. Aber es würde sich demnächst ohnehin einiges in seinem Leben ändern.

Nach zwei Jahren wurde Maria schwanger und schenkte ihm einen kleinen Sohn. Sie lebten nach wie vor in seiner kleinen Wohnung, in der sich tagsüber auch die Telefonistinnen aufhielten. Das war zwar ein wenig eng, aber dadurch auch sehr kuschelig. Eines Tages, zu Ostern, erhielten sie ein großes Paket aus Italien. Darin befand sich ein Plüschhase mit riesigen Ohren. Der kleine Harald verliebte sich sofort in den neuen Freund mit den zu großen rosa Ohren. Jetzt hatten sie ein Problem. Der Hase war zu groß für die Wohnung und Harald wollte ihn partout nicht mehr hergeben. Eines Nachts schnitt Maria dem Hasen heimlich die Ohren ab und verbrannte sie im Ofen, in der Hoffnung so ein wenig Platz in der Wohnung schaffen zu können. Doch außer, dass Harald ein riesiges Theater veranstaltete und seitdem nicht mehr mit ihr sprechen wollte, hatte es nichts geändert. Die Wohnung blieb definitiv zu klein und sie mussten ausziehen.

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5. der kühlschrankfund

Gustav verhedderte sich auf dem Weg in die Küche in einer sich auflösenden Stickerei eines Toilettenkissens. Und auf seinem weiteren Weg zum gefallenen Topf entfernte er für immer einen Namen, denn ein Wollfaden hatte sich um seine Hinterpfote gewickelt und wurde mit jedem Schritt Gustavs ein Stück weiter aus dem Stoff gezogen.

Gustav fluchte. Beinahe wäre er direkt in den Kochtopf gefallen, wegen dieses blöden Bindfadens. Gustav war schon lange für ein generelles Verbot von Bindfäden, ja sogar Schnürsenkel stellten in seinen Augen eine große Gefahr dar. Das lag wohl daran, dass er nie gelernt hatte, seine Schuhe zuzubinden und sie es jedes Mal erneut schafften, dass er sich schwarz ärgerte.

In der Küche war alles orange. Das sah hübsch aus, fast wie ein Sonnenuntergang. Die Marmelade rutschte ganz langsam die Wand runter und das Radio spielte ihnen zur Untermalung einen alten Schlager vor. Sie nahmen sich in die Arme und sangen mit: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt. Das war der schönste Urlaub, den sie jemals gemeinsam verbracht hatten. Und das unabhängig, davon, dass dies auch ihr einziger bleiben sollte.

Die Marmelade klebte inzwischen überall, sogar im Kühlschrank. Das war ekelig, denn der Kühlschrank war ziemlich schmutzig. Sie hatten ihn, seitdem sie in dieser Wohnung lebten, kein einziges mal geöffnet.

traude, susi (papagei) und herr heinrich

Traude hatte Susi in den Kühlschrank gelegt. Susi hatte sie die letzten Jahre begleitet. Susi war ein Papagei. Doch jetzt war Susi tot und sie wusste nicht wohin mit ihr. Denn es war Winter und die Erde gefroren. Sie hatte Susi und die Wohnung damals von Herrn Heinrich übernommen, den sie auf dem Markt kennen gelernt hatte. Er kam oft, fast jedes Wochenende, und kaufte ihr ihre Jonglierbälle ab. Wahrscheinlich wollte er gerne zum Zirkus, als Clown. Sie fand den Gedanken daran nett, denn auch sie wollte seit ihrer Kindheit zum Zirkus. Irgendwie war sie schon immer rastlos. An keinem Ort konnte sie es lange aushalten. Doch jetzt war sie gehbehindert und an diese Wohnung gefesselt.

Selbst, als Traude damals in ihrer kurzen Ehe schwanger wurde, gab es kein halten. Sie ließ ihre Tochter bei ihrem Mann und setzte sich in den nächst besten Zug. Sie fand ein kleines Zimmer bei einer netten Familie und hielt sich mit Heimarbeit über Wasser. Sie produzierte Stofftiere. Zwar verdiente sie nicht allzu viel Geld, aber es reichte zum Leben und sie war glücklich. So glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Jedoch sollte sich ihre, ohnehin immense Sehschwäche, durch das schwache Kerzenlicht noch verstärken und als sie ihren Beruf mit gerade mal dreißig Jahren nicht mehr ausüben konnte, nahm sie die restliche Wolle und ging zurück in ihre Heimat, um einfache Wollpuschel für Jongleure zu produzieren. Die verkaufte sie dann auf dem Trödelmarkt. Das war sehr anstrengend und Traudes Haut baute zum Schutz gegen das Wetter eine Wand aus Falten auf, wodurch sie wesentlich älter erschien, als sie eigentlich war.

Eines Tages wirkte Herr Heinrich sehr trübselig. Über Umwege hatte er erfahren, dass er nur noch einige Zeit zum leben hatte und so machte er sich große Sorgen um seinen Papageien.

Der Papagei lebte schon seit langer Zeit mit ihm in einer kleinen Einzimmerwohnung. Und das war das Problem. Papageien hassen Umzüge. Also musste Herr Heinrich einen Nachmieter finden, der Susi übernahm. Traude brauchte nicht lange zu überlegen, zumal die Miete für vier Jahre im voraus bezahlt war. Sie zog schon am nächsten Tag bei den beiden ein, denn Herr Heinrich wollte Susi nicht von heute auf Morgen mit einem neuen Mitbewohner alleine lassen.

Es sollten die lustigsten Wochen in Herrn Heinrichs Leben werden, denn Susi hatte einen Sprachfehler und Traude war nicht nur sehbehindert, sondern auch schwerhörig. So kamen die abstrusesten Gespräche zustande. Leider war keiner der Dreien in der Lage, sich auch nur eines dieser Gespräche annähernd zu merken. So skurril waren die daraus resultierenden Geschichten.

Traude saß gerne auf der gemütlich gestalteten Toilette, die fast wie ein Sessel wirkte, während Herr Heinrich immer häufiger auf dem Bett lag und die Bilder an der Wand neu sortierte. Es dauerte nicht lange, dann waren sie alleine.

Herr Heinrich hatte ihnen genügend Geld vermacht, so dass sie wohl niemals Hunger leiden müssten. Da Traude nicht mehr richtig sehen und Susi nicht richtig sprechen konnte, wurden sie vom Sohn der Vermieterin versorgt. Gegen ein kleines Endgeld brachte er ihnen fast alles ins Haus. Sie hatten ein schönes Leben. Jeden morgen machten sie sich ein Spiegelei. Susi hatte sich zwar lange Zeit dagegen gesträubt, musste aber bald klein beigeben. Denn Traude war die beste Spiegeleiköchin und in der Wohnung verbreitete sich jedes Mal ein unglaublich verlockender Duft. So wurde Susi nach gar nicht langer Zeit zum Kannibalen.

Der Sohn der Vermieterin war ständig in Geldnöten, da das Casino seine zweite Heimat war. So kam es, dass eines Tages die Presse bei den beiden vor der Tür stand. Tags darauf wurde in allen Medien über den blutrünstigen Papageien berichtet. Sie hieß nur noch „Die Kannibalensusi“. Die Presse übertrieb maßlos und berichtete von mehreren tausend Eiern. Susi war am Boden zerstört. Ihre Familie distanzierte sich von ihr, schlimmer noch, sie verleugneten sie. Traude bekam von alledem recht wenig mit, denn sie konnte ja kaum noch was sehen und hören auch nicht. Susi fühlte sich das erste Mal in ihrem Leben richtig alleine. Als Traude am nächsten morgen wieder einmal damit beschäftigt war, die obligatorischen Spiegeleier zuzubereiten, glaubte sie ein merkwürdiges Geräusch wahrzunehmen. Eine Art Schmatzen. Susi hatte es, wie auch immer, geschafft, sich an den Tisch neben dem Bett zu kleben und rollte mit ihm quer durch das ganze Zimmer, bis vor Traudes Füße.

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Als sie den Kühlschrank öffneten, vermuteten sie, eine alte Milchflasche oder ähnliches zu finden, doch stattdessen lag dort ein platt gedrückter bunter Vogel. Er hatte die Anmutung einer liebevoll in einem Buch gepressten Blüte. Es war ein trauriger und doch zugleich sehr schöner Anblick. Fasziniert starrten sie auf den, durch das Licht des Kühlschranks, heilig gesprochenen Vogel. Gustav kletterte hinein, stellte den Vogel hin und platzierte sich direkt daneben. Es dauerte einen Augenblick ehe Lilly begriff, aber dann ging sie zur Kommode und holte den Fotoapparat.

gustav (hamster)

Gustav träumte schon lange von kubanischen Papageien. Jeder halbwegs normale Goldhamster fühlte sich zu ihnen hingezogen. Aber es war ihm nie gelungen den ganzen Weg bis nach Kuba zurückzulegen. Den halben Weg schon. Otto, eine Kneipenbekanntschaft, hatte ihm eine Banderole besorgt. Das war zwar illegal, doch wenn Gustav die Luft anhielt und sich lang machte, konnte man ihn auf den ersten Blick tatsächlich kaum noch von einer Zigarre unterscheiden. Mit dieser Tarnung gelang es ihm, sich unbemerkt auf einen Dampfer zu schleichen. Jedoch hatte er eines vergessen, Zigarrendampfer verschifften zwar Zigarren, aber selten nach Kuba. So kam es, dass ein glückselig angetrunkener Matrose ihn mit einer vergessenen Zigarre verwechselte. Stolz über seinen Fund, schleifte er Gustav ans Deck, um ihn unter freiem Himmel in Form von genüsslichen ausgeblasenen Ringen zum lieben Gott zu schicken. Das Gustav gar keine Zigarre und schon gar nicht getauft war, konnte er nicht wissen. Als sich dieser heimlich, um seine Kollegen nicht auf den Geschmack zu bringen, in seine Kajüte schlich, um einen Zigarrenkneifer zu suchen, nutzte Gustav den Moment und hechtete über die Reling. Glücklicherweise landete er in einem Salmonellenschwarm. Mit ihrer Hilfe gelang es Gustav innerhalb weniger Tage wieder im Heimathafen einzutreffen. Durch das viele Fischessen auf der Reise war ihm eine Brust gewachsen und die Salmonellen hänselten ihn, wann immer sie Zeit dazu hatten. „Na Gustav – Nicht Fisch, nicht Fleisch. Willste nicht mal ans andere Ufer schwimmen….“ Er war heilfroh, als er in der Ferne Lichter sehen konnte.

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Nachdem sie den ganzen Film verknipst hatten, ging Gustav zum Bett und schaute sich die Bilder an. Ihm war das Foto mit der älteren Dame und dem Dackel wieder eingefallen. Er nahm es von der Wand und drehte es um. Auf der Rückseite standen zwei Namen: Traude und Otto. Tatsächlich. Das war der Dackel, der ihm damals die Banderole verkauft hatte.

otto (dackel)

Otto war der erste Kommissar in Schwarz/Weiß. Aber er trank zu viel und es fiel ihm immer schwerer im betrunkenen Zustand einen Nüchternen zu spielen. Als er dann noch eines Tages all seine Zähne unter der Dusche verlor, wurde er gefeuert. Fortan hing er nur noch in Kneipen rum und hielt sich mit mehr oder weniger legalen Geschäften über Wasser.

Otto war trotz seines relativ verwegenen Aussehens sehr beliebt in der Älteredamenwelt. Er konnte auf seine Art recht charmant sein, auch wenn man bei Gesprächen mit ihm, hatte man nicht selber gerade ein paar Likörchen getrunken, annehmen konnte, man befände sich in einer Schnapsbrennerei.

Zum Glück war damals Klosterfrau Melissengeist groß in Mode und seine Fahne blieb meist unentdeckt. Für Otto war es eine Leichtigkeit die Herzen im Sturm zu erobern, denn eigentlich brauchte er nichts weiter als zuzuhören und ab und zu mit dem Kopf zu wackeln. Er musste nur drauf achten, ob von oben nach unten oder von links nach rechts. Ansonsten sprach er nicht viel. Eigentlich sprach er sogar nur bei der Kontaktaufnahme. Einer seiner Standardsätze war: „Sind Sie Ärztin? Das würde Ihnen gut stehen.“

So lebte Otto einige Jahre recht glücklich mit Hilfe der älteren Damen vor sich hin. Er war inzwischen selbst nicht mehr der Jüngste und es wurde immer schwieriger zu überleben. Die Konkurrenz schlief nicht. So beschloss er, langfristiger zu denken. Bisher hatte er sich nicht viele Gedanken darüber gemacht, wie er am nächsten Tag an seinen Schnaps kommen könnte, doch jetzt wurde es langsam ernst. Es war an der Zeit, sich ein angemessenes zuhause zu suchen.

Ein Freund hatte ihm von den Seegurken erzählt. Die haben angeblich nur ein kleines Gehirn, welches sie, wenn sie ein zuhause gefunden haben, aufessen. So weit wollte Otto zwar nicht gehen, aber sich einfach mal für eine Weile keine Gedanken mehr machen zum müssen, wäre sicher auch nicht so verkehrt. Er riss seinen letzten Charme zusammen und machte sich auf den Weg. Er klingelte an mindestens hundert Türen, bis ihn eine ältere Dame zu sich in die Wohnung lud.

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Gustav klebte das Bild an die Wand zurück. Otto. Der Otto. Ein komischer Zufall. Otto hatte sich damals mit den Worten „man sieht sich immer zweimal im Leben“ von ihm verabschiedet. Das stimmte zwar nicht so ganz, aber immerhin hatte Gustav Otto jetzt zweimal gesehen. Obwohl er darauf nicht wirklich Wert gelegt hatte. Denn Otto hatte ihm damals viel zu viel für die Banderole abgenommen. Und wäre der Seemann damals nicht angetrunken gewesen, hätte Gustav bestimmt keine Sekunde überlebt. Denn die Banderole war in Wirklichkeit nur eine Farbkopie, zudem noch eine grottenschlechte. Gustav wollte sich nicht schon wieder darüber aufregen und bemühte sich, in Zukunft einfach über dieses Bild hinwegzusehen. Er ging zurück in die Küche und beschloss Lilly von der ganzen Geschichte erstmal nichts zu erzählen.

Sie legten den Vogel in den Kühlschrank zurück und begannen die Marmelade einzusammeln. Viel war nicht mehr zu gebrauchen. Gerade mal zwei Gläser konnten sie mit der inzwischen etwas merkwürdig anmutenden Masse füllen. Die Küche befand sich immer noch in einem sehr desolaten Zustand und duftete sehr streng nach Orangenmarmelade. Es erinnerte Gustav ein bisschen an zuhause.

der theologe im smoking (gustavs pflegevater) und christine

Gustavs Pflegevater war ein Theologe. Das war anstrengend. Christine, die Frau vom Theologen, gab Kurse zur Selbstfindung. Jeden Samstag bastelte sie mit ihren Teilnehmern kleine Figuren aus Ton. Die wurden dann gebrannt und anschließend an die Wand geworfen. Aber natürlich erst nachdem man mental all den Ärger, die Enttäuschungen und was einen vielleicht sonst so störte, in sie hinein interpretiert hatte. Die liebevoll kreierten Figürchen zerbrachen dann mitsamt ihres imaginären Inhaltes an der Wand. Jedenfalls meistens. Denn es gab auch Ausnahmen. In einigen Fällen wollten die Tonfigürchen nicht aufgeben. So kam es auch, dass Christine eines Tages von einer unglücklich an der Wand abgeprallten Tonfigur tödlich getroffen wurde.

Der Theologe kaufte sich vom Geld der Lebensversicherung einen Smoking und verwirklichte seinen schon seit langer Zeit gehegten Traum. Er wanderte aus. Nach Italien. Er wollte Opernsänger werden. In Capri fand er ein günstiges Pensionszimmer. Direkt über einem gemütlichen kleinen Café. Nachts lernte er italienisch und tagsüber nahm er Gesangsunterricht. Das Geld der Lebensversicherung war schnell aufgebraucht. Schneller als er hatte lernen können. So war seine Gesangsausbildung inmitten der Tonleiter zusammengebrochen.

Zum Glück waren seine Italienischkenntnisse schneller voran geschritten, wohl auch, weil er zuhause schon seit längerem heimlich einen Sprachkurs besucht hatte. Christine hatte nichts übrig für Italien. Indien war ihre große Liebe. In Indien war alles anders. Der Theologe war ein paar Mal mit ihr dort gewesen, konnte jedoch, mit den für ihn seltsamen anmutenden Indern nicht viel anfangen. Aber Inder hatten sie ohnehin kaum zu Gesicht bekommen. Sie waren immer in so eine Art Lager gereist. Da traf man Europäer und Amerikaner, aber selten Inder. Und wenn man mal einen Inder gesehen hatte, dann eigentlich nur in Form eines lebendigen Getränkeautomaten. Zumindest kam es ihm so vor.

Der einzige Inder, den er hatte sprechen hören, sprach englisch und war der Chef dieses und einiger anderer Lager. Er kam zweimal im Monat vorbei und erzählte lustige Geschichten. Eigentlich war es gar nicht so schlimm. Man gab sich komische Namen und besuchte morgens und abends einen Kurs. Neben den gängigen Malkursen, Tanzkursen und Gymnastikkursen gab es noch eine Reihe anderer Kurse mit denen man sich die Zeit vertreiben konnte. Der Theologe war begeistert. Bis er Christine mit drei Australiern in einem kleinen Zelt bei einer Übung für Körper und Geist gesehen hatte, die ihm zu denken gab. Nach diesem Indienaufenthalt verweigerte er sich total. Einen gemeinsamen Urlaub und auch den körperlichen Kontakt betreffend.

Insofern war er auch nicht wirklich über den plötzlichen Tod Christines erschüttert. Natürlich wünschte man das niemandem und schon gar nicht auf diese Art, aber er war sich sicher, sie würde weiterleben. Nur in anderer Form. Jetzt hatte er sogar das Gefühl, sie würde ihn beobachten. Auf dem Platz, wo sich seine Pension befand, stand ein Brunnen. Und die Figur, die ihn schmückte, hatte eine beträchtliche Ähnlichkeit mit Christine.

Aber das interessierte ihn nicht. Jetzt hatte er ein anderes Problem. Das Geld war verbraucht und er benötigte dringend eine Arbeit. Als Theologe kam er in Italien nicht weit. Der Pabst hatte expandiert und war zu einer Art Bill Gates der Religion mutiert. Entweder man schloss sich ihm an oder ging komplett andere Wege. Er entschied sich für letzteres und studierte die Jobangebote. Jeden Samstag saß er im Café und las die Stellenanzeigen.

Der Cafébesitzer, dem übrigens auch die Pension gehörte, kam, nachdem die offene Rechnung auf eine inzwischen nicht mehr tragbare Summe angestiegen war, auf die Idee, den Theologen als Werber einzusetzen. Natürlich musste er damit rechnen, durch die noch nicht ganz ausgereiften Sangeskünste des Theologen, einige seiner Stammgäste zu verlieren. Aber andererseits war, seitdem der merkwürdig anmutende Gast im Smoking, bei ihm in der Pension und auch im Café verweilte, die Zahl der neuen Gäste immens angestiegen. Was machte es da schon, auf ein paar alte freundliche Gesichter zu verzichten. Zumal sich die meisten von ihnen ohnehin den ganzen Vormittag mit einer Tasse Espresso beschäftigen konnten.

Also setzten die beiden einen Vertrag auf. Der Theologe verpflichtete sich fortan jeden Tag, jeweils am Vor- und am Nachmittag, für zwei Stunden Gäste zu akquirieren. Mit Ausnahme von Sonn- und Feiertagen, dann belief sich die Arbeitszeit auf jeweils drei Stunden. Als Entlohnung durfte er kostenlos in der Pension übernachten und erhielt drei Mahlzeiten am Tag. Der Theologe machte seine Arbeit so gut, dass er schon nach kurzer Zeit am Umsatz beteiligt wurde. Einige Jahre später zog sich der Cafébesitzer aus dem Geschäft zurück und überließ ihm die komplette Leitung des Cafés.

Es dauerte nicht lange bis der Theologe eine kleine Bühne aufstellen ließ und jeden Sonntag, sehr zum Ärger der Nachbarn, ein Konzert gab. Natürlich lud er hierzu anerkannte Operngrößen ein, jedoch wollte er es sich partout nicht nehmen lassen im Vorfeld seine eigenen Sangeskünste zum Besten zu geben. Diese anfangs als Geheimtipp gehandelten und zeitweise sehr bizarren Vorstellungen wurden bald zum Allgemeintipp und waren aus keinem Reiseführer mehr wegzudenken.

Auch der kurzerhand ins Leben gerufene Plattenverkauf brachte eine Menge ein. Aber das wichtigste war, der Bekanntheitsgrad des singenden Theologen stieg immens an. Zwar lag es nicht unbedingt an seinem Gesang, sondern vielmehr an dem skurrilen Auftritt eines ins Alter gekommenen Smokings mit Mann, aber das merkte er nicht. Und das war es, was die Zuhörer so faszinierte. Das war die Freiheit.

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6. das putzen

Gustav hatte alle Platten gesammelt, die ihm sein Pflegevater zugeschickt hatte. Nicht, weil ihm die Musik gefiel, sondern in der Hoffnung, sie irgendwann einmal als teure Raritäten verkaufen zu können. Aber seine Hoffnung schwand von Jahr zu Jahr und die Platten landeten irgendwann im Trödelladen.

Immerhin konnte er sich von dem Geld ein paar fast neue Schuhe kaufen. Schuhe sind wichtig. Weil Füße wichtig sind. Gustav hatte auf anraten seiner Pflegemutter einige Kurse für die Füße besucht. Eigentlich hatte Christine die Psyche gemeint, aber durch ihren kleinen Sprachfehler wurden aus der Psyche die Füße. Seitdem legte Gustav sehr großen Wert auf gepflegte Füße und auch Schuhe.

Und seine Füße waren momentan kaum wieder zu erkennen. Durch die gallertartige Orangenmasse hatten sie eine merkwürdige Form angenommen. Ein bisschen wie die Plateaustiefel, die die zu kleinen Rockmusiker immer tragen. Nur eben in orange und ein bisschen flexibler. Aber es half nichts. Die nächsten Stunden musste er diese viel zu hohen Dinger tragen.

Jetzt würden sie sich erst einmal um die Küche kümmern. Gut, dass er damals so viele Kurse besucht hatte. Vor allem den Gymnastikkurs für Hausfrauen. Da gab es viele praktische Tipps sportliche Übungen mit der täglichen Hausarbeit zu kombinieren. Die von ihm verhasste Bohnerübung fiel ihm wieder ein und er ging zum Musikschrank um eine passende Musik zu suchen.

Nachdem Gustav eine alte Discoscheibe aufgelegt hatte, ging es los. Sie wickelten sich ein paar Bohnertücher um die Hände und legten los. Gustav gab die Anweisungen im Takt der Musik: …und vor…zurück….und vor….zurück….und links….und rechts…und wischen… Innerhalb kürzester Zeit glänzte die Küche und war kaum wieder zu erkennen. Sie sah fast wieder aus, wie neu.

Herr Heinrich und Susi (Papagei)

Herr Heinrich hatte sie damals eingebaut. Die vom Tierheim waren sehr streng, was die Richtlinien zur Adoption eines Papageien anging. Vor allem auf das leibliche Wohl des Vogels wurde größter Wert gelegt. Also musste Herr Heinrich eine papageiengerechte Küche einbauen lassen.

Das war gar nicht so einfach und vor allem sehr kostspielig. Es gab nur wenige Firmen, die sich darauf spezialisiert hatten und auch eine Abnahme durch das Tierheim Sicher stellen konnten. Nach langem suchen, fand Herr Heinrich eine Küchenbaufirma in Frankreich. Die Planung und der Aufbau dauerten insgesamt über zwei Jahre. In dieser Zeit besuchte er Susi jeden Tag im Tierheim. Mit Ausnahme der Tage, an denen er in Frankreich verweilte um den Fortschritt der Küche zu begutachten.

Es gab viele Dinge zu berücksichtigen. Aber das wichtigste war die Sprachsteuerung. Papageien sind nicht unbedingt die Kräftigsten und so sollte sichergestellt werden, dass sich Susi jeder Zeit selbst verpflegen konnte. Herr Heinrich zeichnete bei jedem seiner Besuche im Tierheim ihre Gespräche auf und ließ Susi einige wichtige Wörter auf das Band sprechen. Mit Hilfe dieser Aufnahmen sollte die neue Küche Susi aufs Wort gehorchen.

Der sprachgesteuerte Computer hatte anfangs jedoch immense Probleme mit ihrem Sprachfehler und musste komplett umprogrammiert werden. Auf Grund dieser im Vorfeld nicht gründlich genug bedachten Probleme, kam es zu einer Verzögerung von über einem Jahr. Susi ging es nicht gut. Sie hatte einen neuen Zimmergenossen bekommen, der sie Tag und Nacht bedrängte. Sie verlor fast alle ihrer Federn und fiel ständig von der Stange.

Herr Heinrich machte sich große Sorgen. Aber mit den Leuten vom Tierheim konnte man nicht reden. Sie hielten strikt an ihren abstrusen Regeln fest. Er reiste, wann immer es ging nach Frankreich, um den Bau der Küche voranzutreiben. Und das war nicht wirklich einfach, da er kein Wort französisch verstand. Was die Programmierung der Spracherkennung ungemein erschwerte, da er der einzige war, der Susis mit Sprachfehlern überhäufte Anweisungen übersetzen konnte. Immer noch öffnete sich der Kühlschrank, wenn man den Befehl zum Einschalten des Herdes gab und die Brotschneidemaschine ratterte in einem fort, obwohl eigentlich der Mixer aktiviert werden sollte.

Und das war nicht das einzige, was schief lief. Die komplette Küche musste von Grund auf neu aufgebaut werden, da die Franzosen von einer falschen Körpergröße Susis ausgegangen waren. Susi war größer als andere Papageien und entsprach auch sonst in keinster Weise den gängigen Standards. Ihr Schnabel war riesig. Eigentlich konnte man erst bei genauerem Hinsehen erkennen, dass sich hinter dem Schnabel auch noch ein Vogel verbarg. Ihrem Mitbewohner, einem kleinen Graupapageien gefiel dieses ungemein. Das große rote glänzende Ding, was ihn irgendwie an seine Mutter erinnerte, die ihn über Jahre hinweg gefüttert hatte, machte ihn ganz kirre. Ständig hing er an ihrem Schnabel und Susi bekam kaum noch Luft. Sie wurde oft ohnmächtig und verlor das Gleichgewicht.

Herr Heinrich und die Küchenbaufirma versuchten alles um Susi schnellstens aus ihrem Gefängnis zu befreien. Die Programmierer arbeiteten 24 Stunden am Tag und die auch die anderen Beteiligten gaben alles. So schafften sie es doch noch die Küche im vereinbarten Zeitrahmen fertig zu stellen. Herr Heinrich war überglücklich Susi endlich nachhause zu holen. Der Kühlschrank war über voll mit all den winzigen Dingen, auf die Papageienfrauen im Allgemeinen so stehen. Die beiden schlossen sich eine ganze Woche in der Wohnung ein und aßen, was das Zeug hält.

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7. die automatische küche

Gustav hatte als erster den kleinen roten Hebel unter der Spüle entdeckt. Doch Lilly war schneller und legte den Hebel mit einer energischen Handbewegung um. Augenblicklich wurde die Küche zu neuem Leben erweckt. Überall brodelte es und die Geräte brabbelten durcheinander. Man konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Zumal die Geräte wegen ihres Sprachfehlers sehr schwer zu verstehen waren. Gustav und Lilly brauchten lange um zu begreifen, was da geschah.

Dies schien eine der seltenen Papageienküchen zu sein. Sie hatten schon oft davon gehört, aber nie wirklich geglaubt, dass es so etwas tatsächlich geben sollte. Wer sollte soviel Geld ausgeben, nur um mit einem Vogel zusammenleben zu können. Gustavs Pflegemutter hatte damals einen Papageien geschenkt bekommen.

Aber mit ein paar kleinen Tricks war man in der Lage die harten Richtlinien des Tierheims zu umgehen. Es gab günstige Leihgeräte, mit denen man kurzfristig eine papageiengerechte Küche imitieren konnte. Die vom Tierheim waren zudem durch die vielen Abnahmen, Papageien waren zu dieser Zeit groß in Mode, überfordert. Lilly und Gustav standen in der sprechenden und sehr agilen, weil momentan mit einem Hackbraten und Schokoladenpudding beschäftigten, Küche. Woher sie so schnell an die dafür notwendigen Lebensmittel kam, blieb ihnen bis heute ein Rätsel. Aber das Essen schmeckte sehr lecker. Ab sofort übernahm die Küche die Orangenmarmeladenproduktion, so dass sich Lilly und Gustav mit Charlottes Vertrieb beschäftigen konnten.

8. der energie booster

Den Anfang machte der Laden von Tante Emma Heinrich. Sie platzierten Charlotte auf einem Bärenfell direkt mittig im Schaufenster. Um die Marmelade ins rechte Licht zu rücken, wurde sie mit einem roten Licht bestrahlt. Dies sorgte vor allem Nachts für einen großen Aufruhr. Einmal erschien sogar die Rotlichtpolizei und Tante Emma Heinrich musste seinen Laden aufschließen und vor den Augen der Polizisten ein ganzes Glas der Orangenmarmelade essen.

Am nächsten Tag fühlte sich Tante Emma Heinrich irgendwie sehr beschwingt. Seine Füße tänzelten den ganzen Tag um ihn herum. Kurzerhand beschloss er, einen Tanzkurs bei Hertha’s Tanzschule zu belegen. Ihre Tanzschule befand sich direkt an der gegenüberliegenden Straßenecke. Er schrieb sich für mindestens drei Tangokurse ein. Er liebte Tango, hatte es aber bisher noch nie ausprobiert, da er Angst hatte, die Damen könnten ihm aus den Händen gleiten. Er bekam eine ins Alter gekommene grau haarig duttierte, am Körper blümierte, kleinwüchsige junge Dame. Aber er mochte ihren Geruch. Der erinnerte ihn an sein Leibgericht: Kalbsbraten.

Das mit dem Tanzen klappte fast automatisch und die erste Stunde verging wie im Flug. Innerhalb kürzester Zeit wurde Tante Emma Heinrich zum Aushängeschild der Tanzschule und die Frauen lagen ihm zu Füßen. Bis ihn, nach knapp einer Woche, seine Kräfte verließen und er kaum mehr einen Fuß vor den anderen setzen konnte.

9. die ersten nebenwirkungen

Lilly und Gustav machten sich große Sorgen um Tante Emma Heinrich. Er hatte jegliche Farbe verloren. Er sah aus, wie ein Schwarzweißfoto. Wie ein sehr altes Schwarzweißfoto.

Lilly kümmerte sich um den Laden und Gustav telefonierte mit Ärzten aus aller Welt, während Tante Emma Heinrich im Krankenhaus lag. Als sich sein Zustand nach zwei Monaten noch nicht gebessert hatte, holten sie ihn nachhause. Er sah inzwischen fast gläsern aus und erinnerte einen irgendwie an ein frisch geschlüpftes Insekt. Außerdem wurde er von Schüttelfrost geplagt und sie mussten ihn am Bett festbinden, damit er nicht raus fiel.

Gustav und Lilly verbrachten viel Zeit in der Bücherei um in wissenschaftlichen Artikeln zu forschen. Doch Tante Emma Heinrichs Symptome tauchten in keinem der Bücher auf. Zwar fanden sie in einer 50 Jahre alten Abhandlung eines Doktors für Tiermedizin einen ähnlich klingenden Fall, jedoch wollte ihnen die empfohlene Behandlungsmethode nicht so recht zu sagen. Außerdem besaß Tante Emma Heinrich auch gar kein Euter. Es schien hoffnungslos.

Doch als sie am nächsten morgen den Laden betraten, tanzte er um den Verkaufstresen herum, als hätte es die letzten Monate gar nicht gegeben. Er sah zwar farblich noch ein bisschen merkwürdig aus, ein bisschen wie koloriert, aber ansonsten schien er in besserer Verfassung als je zuvor. Sie rätselten noch eine Woche nach dem Auslöser für die wundersame Heilung, kamen jedoch zu keiner Lösung. Aber eigentlich war es auch egal. Hauptsache Tante Emma Heinrich ging es wieder gut und Lilly und Gustav konnten sich wieder um den Charlottes Vertrieb kümmern. Den hatten sie in letzter Zeit doch sehr vernachlässigt und das Geld wurde langsam knapp.

Außerdem hatte die, zwar Aufsehen erregende, Platzierung im Schaufenster nicht zum gewünschten Erfolg geführt. Nicht mal ein Glas Marmelade hatten sie verkauft. Also begannen sie kleine Proben zu verteilen. Gustav hatte sich als eine sprechende Orange verkleidet und hüpfte den ganzen Tag durch die Stadt, während Lilly, als alte Frau getarnt, hinter ihm her trottete und die Proben verteilte. Innerhalb kürzester Zeit waren ihre Marmeladeproben unters Volk gebracht.

10. otto kommt auf den geschmack

Auch der ins Alter gekommene Otto gelang in den Besitz einer solchen Probe. Nachdem die alte Dame, bei der er lange Zeit gewohnt hatte, so abrupt gestorben war, musste er die Wohnung verlassen und er hatte bis heute keinen adäquaten Ersatz gefunden und trieb sich mal hier und mal da rum. Meistens jedoch übernachtete er in einem Männerwohnheim am Rande der Stadt. Da lagen Hunderte in einem Raum – wenn man die Flöhe mitzählte. Es gab eine kleinwüchsige – und vorsichtig ausgedrückt pummelige – Nachtschwester, die ihm manchmal einen Flachmann zusteckte. Sie mochte Otto, denn ihm konnte sie ihr Herz ausschütten.

maria

Maria, die Nachtschwester, hatte vor vielen Jahren ihre Heimat verlassen. Sie hatte sich verliebt, geheiratet und einen Sohn bekommen. Eigentlich war alles schön. Aber eines Tages verschwand ihr Sohn spurlos. Sie waren im Supermarkt und sie hatte wie immer zwei Einkaufswagen genommen. Einen für ihre Einkäufe und einen für ihren Sohn, den sie in den Kindersitz setzte und in der Süßigkeitenabteilung abstellte, um in Ruhe ihre Einkäufe zu tätigen. So war er damit beschäftigt sich von einem Regal zum nächsten zu hangeln und sich den Bauch voll zu stopfen.

Als sie ihn wieder einsammeln wollte, war er verschwunden. Ihr Mann hatte ihr das nie verziehen und Maria lebte einige Jahre in einem Heim für verwirrte Mütter. Im Zuge einer Rehabilitierungsmaßnahme bekam sie die Stelle im Männerwohnheim. Hier waren noch wahre Muttergefühle gefragt und von denen hatte sie weiß Gott genug. Sie war die Mutter in Person. Die gestrandeten Männer nannten sie schon nach kurzer Zeit Heilige Mutter.

Ihr gefiel das und sie hatte ein Gefühl von Wiedergutmachung. Das war zwar manchmal ein bisschen anstrengend für die Bewohner, aber immer noch besser, als wenn sich niemand um einen schert. Außerdem bekam man von ihr ab und zu einen Kurzen, obwohl im Heim striktes Alkoholverbot herrschte. Sie war die Ikone aller Alkohol liebenden.

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Otto, der Dackel, war ihr der Liebste von allen. Er war es auch, der ihr eines Tages die Orangenmarmelade mitbrachte. Es war zwar nur eine kleine Probe, jedoch sollte sie ihr und auch Ottos Leben komplett verändern. Maria verdiente nicht viel und so kaufte sie immer nur den billigsten Fusel, den sie mit Hustenbonbons zu verfeinern pflegten. An diesem Abend verwendeten sie anstelle der Bonbons die Marmelade.

Die Mischung schmeckte so gut, dass sie innerhalb kürzester Zeit zwei Flaschen vernichtet hatten. Aber das schönste war der Zustand, den dieses Getränk erzeugte. Man wurde zwar immer betrunkener, aber es gab kein störendes Lallen und auch kein Torkeln mehr. Man konnte total betrunken durch die Stadt marschieren und das Leben genießen, ohne dass es irgendjemandem auffiel. Das war grandios. So konnte man halbwegs glücklich überleben.

Schon kurze Zeit später stand Otto in Tante Emma Heinrichs Laden und kaufte den gesamten Vorrat der Orangenmarmelade auf. Zum Glück konnte sich Tante Emma Heinrich nicht mehr an Otto erinnern, der einige Zeit und ein paar Häuser weiter, bei der älteren Dame gewohnt hatte. Otto hatte damals oft betrunken im Laden randaliert und bekam irgendwann sogar lebenslanges Hausverbot. Aber das war lange her und Otto hatte in der Zwischenzeit äußerlich stark gelitten.

Tante Emma Heinrich unterrichtete Lilly und Gustav sofort von dem überraschenden Verkauf. Glücklich über den unerwarteten Geldsegen, vergaßen sie, sich darüber zu wundern, was ein alter Dackel mit soviel Orangenmarmelade überhaupt anfangen sollte. Sie bezahlten ihre Mietschulden bei der Cordhose und gingen lecker Essen.

11. das energiegetränk

Otto und Maria begannen sofort mit der Produktion des neuen Energiegetränkes. Sie hatten nicht nur die gesamten Marmeladenvorräte aufgekauft, sondern auch den billigen Fusel. Innerhalb kürzester Zeit mauserten sich die bisher eher unauffälligen Bewohner des Wohnheims zu den bekanntesten Männern der Stadt. Das runtergekommene Wohnheim wurde in Eigenregie völlig saniert und erstrahlte in neuem Glanz. Im Erdgeschoss entstand ein großer Bürotrakt. Es gelang ihnen im Laufe eines Jahres eine gut gehende Firma aufzubauen. Basierend auf dem neuen Getränk, vor allem aber basierend auf der Orangenmarmelade. Sie kauften jeden Montag, wenn die neue Marmeladenlieferung bei Tante Emma Heinrich eintraf, die gesamte Palette auf.

Die Küche war rund um die Uhr damit beschäftigt Orangenmarmelade zu produzieren. Gustav und Lilly saßen oft am Küchentisch und schauten ihr dabei zu. Es war schön anderen bei der Arbeit zuzusehen. Vor allem, wenn man damit Geld verdiente. Aber erst recht, wenn eine Maschine die ganze Arbeit erledigte. Das war ein bisschen, wie bei der ersten Waschmaschine, die Lillys Eltern sich angeschafft hatten.

lillys familie

Die ganze Familie saß Sonntags vor dem Gerät, was sich so schön drehte. Manchmal kamen auch ein paar Nachbarn vorbei. Es war sehr gemütlich. Und saubere Wäsche bekam man obendrein. Zu der Zeit entstanden auch die ersten Waschsalons und ihre legendären Partys.

Es standen dort nicht nur eine Menge Wasch-, sondern auch Getränkeautomaten rum. Und vor allem diese erfreuten sich immer mehr an Beliebtheit. Die Waschsalonbetreiber waren meistens nur noch damit beschäftigt die Getränke nachzufüllen.

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12. der orangenanbau

Gustavs Onkel bekam langsam Probleme mit der rechtzeitigen und vor allem ausreichenden Lieferung von Orangen. Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass die Sache mit der Marmeladenproduktion bald im Sande verlaufen würde. Wie alles, was Gustav bisher initiiert hatte. Er konnte sich noch gut an die Sache mit den Zauberwürfeln erinnern.

gustav (hamster)

Gustav hatte eine schrumpelige japanische Bulldogge kennen gelernt, die angeblich über gute Kontakte nach Russland verfügte. Aus Russland kamen auch die verheerenden Zauberwürfel. Verheerend deshalb, weil sie selbst den größten Zauberer in den Wahnsinn treiben konnten.

Es wollte einfach niemandem gelingen, diese kleinen quadratischen Dinger zu kontrollieren. Damals stürzten sich viele Magier in den Freitod. Dabei waren diese Würfel eine klare Fehlkonstruktion, basierend auf den Sprachschwierigkeiten zwischen Japanern und Russen.

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Wer konnte ahnen, dass es mit der Marmelade völlig anders verlaufen würde. Charlotte, die Frau von Gustavs Onkel, war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Orangenbäume zu unterhalten. Orangenbäume sind sehr sensibel, was die Arbeit angeht. Man darf sie nicht überfordern.

13. die unterstützung

Charlotte wanderte von einem Baum zum anderen und flüsterte ihnen Nettigkeiten zu. Das war nicht einfach, zumal sie expandiert hatten und die Anzahl der Orangenbäume auf mehr als das doppelte angestiegen war. Sie brauchte Unterstützung. Und zwar schnell. Auf das Zeitungsinserat meldeten sich drei Bewerber für die Stelle.

Die Sache war schnell entschieden. Herr Fünfsinn bekam die Stelle. Der war zwar schon etwas älter, dafür aber der Erfahrendste, was die Unterhaltung mit Bäumen betraf. Er hatte schon viele schöne Gespräche im Wald geführt und kannte sich bestens aus mit Grünzeug.

herr fünfsinn

Damals hatte er viele betreute Sprachkurse besucht. Denn, wenn man den Baum nicht versteht, wie soll man dann mit hohlen Kunden umgehen. Dem Kursleiter brauchte er ja nicht unbedingt von den vielen Missverständnissen zwischen ihm und dem Grünzeug zu erzählen. Hauptsache, er bekam seinen Schein. Und jetzt, da er eigentlich schon in Rente war, sollte sich dieser Schein, doch tatsächlich als nützlich erweisen.

Herr Fünfsinn hatte früher einen gut gehenden Betrieb und nie daran gedacht, fürs Alter vorzusorgen. Gedacht hatte er schon mal dran. Aber dann kam wieder irgendwas dazwischen. Und irgendwie war das Geld immer innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Er hatte schon mal an Schwarzgeld gedacht, weil das angeblich länger hält, aber es hatte sich nie die Gelegenheit ergeben. Bis auf einmal. Aber da war er zu feige. Zum Glück. Er hätte in ein lukrativ erscheinendes Geschäft einsteigen können, welches sich im nach hinein als ein Luftschloß rausstellte.

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Jetzt hatte er einen Job als Orangenflüsterer. Mit Dach über dem Kopf. Denn er bekam zum Lohn auch noch Kost und Logie. Einen Monat unterhielt er sich angestrengt mit den Orangenbäumen. Er hatte ihnen schon sein ganzes Leben erzählt und so langsam viel ihm nichts mehr ein. Außer, dass man mit den Bäumen noch ein ganz anderes Geld verdienen könnte.

14. die baum-hotline

Herr Fünfsinn hatte noch eine Menge alter Telefone in einer Garage eingelagert. Jeder Baum bekam seinen eigenen Telefonanschluß. Und bald darauf konnte man es von überall her läuten hören. Es gab viele einsame Menschen, die sich über ein nettes Gespräch mit Bäumen freuten. Und viel kostete es ja nicht. Außerdem wurde im Sekundentakt abgerechnet. Und eine Baum-hotline anzurufen war zudem gesellschaftsfähiger als eine Sexhotline zu kontaktieren. Charlotte war anfangs nicht begeistert von dieser Idee, musste aber bald zugeben, dass die Orangenbäume in keinster Weise einen Schaden nahmen. Eher im Gegenteil, sie schienen aufrechter zu stehen und warfen auch viel mehr Orangen ab. Außerdem brachten die Telefonate inzwischen weit mehr ein, als der Orangenverkauf.

Lilly und Gustav meldeten sich fast täglich, um den nächsten Liefertermin in Erfahrung zu bringen. Es wurde immer schwieriger Gustavs Onkel oder Charlotte zu erreichen. Meist landeten sie in einer kostenpflichtigen Hotline. Wenn das so weiter ging, mussten sie sich einen anderen Lieferanten suchen. Das Problem war nur, dass sie dann den inzwischen etablierten Namen der Marmelade, ändern mussten. So stand es im Vertrag. Gustavs Onkel hatte sie in der Hand.

Sie entschlossen sich kurzerhand aufs Land zu fahren und nach dem Rechten zu sehen. Auf der Orangenfarm angekommen, trauten sie ihren Augen nicht. Von Orangenbäumen weit und breit nichts in Sicht. Überall Kabel. Und Telefone. Sie gingen zum Haus und fanden Gustavs Onkel und Charlotte auf der Veranda. Sie lagen in der Sonne und erzählten sich Geschichten.

15. neue kontakte

Außerdem war da noch ein Mann, den sie noch nie gesehen hatten. Das musste Herr Fünfsinn sein. Charlotte hatte schon viel von ihm erzählt. Die drei machten einen sehr gemütlichen Eindruck. Gustav und Lilly holten sich einen Hocker und setzten sich dazu. Sie brauchten nur einen Hocker, da Gustav es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, sich in Lillys opulenter Frisur zu platzieren. Zumindest bis er sich mit der neuen Umgebung angefreundet hatte.

Nach ein paar Orangenlikören war es soweit. Gustav verließ seinen Platz und setzte sich auf den Grill. Der war noch ein bisschen warm. Das passte gut zum eiskalten Likör und wirkte ein bisschen italienisch. Die Italiener zündeten ihre Getränke ja auch immer an. Charlotte fiel dies leider erst zu spät auf. Da stand Herr Fünfsinn schon in seinen Tränen. Er hatte ihr einmal von seiner unglücklichen Ehe mit einer Italienerin erzählt.

Die Ehe war eigentlich gar nicht so unglücklich, aber Marias Verhalten als Mutter war untragbar. Sie hatte den gemeinsamen Sohn verloren. Im Supermarkt. Er steckte sie daraufhin in ein Heim für unglückliche Mütter aus dem er sie nie wieder abgeholt hatte. Gustav und Lilly schauten sich an. Tante Emma Heinrich hatte ihnen vor einigen Jahren eine ähnliche Geschichte erzählt. Aber da war von einer Entführung die Rede. Und davon, dass die Eltern kein Lösegeld zahlen wollten. Angeblich, weil die Forderungen in keinem Maße dem Wert des Kindes entsprachen.

herr fünfsinn, maria und das kind

Damals war es modern Kinder schätzen zu lassen. Es gab eigens dafür entwickelte, als Kindergärtnerinnen getarnte, Wertschätzer. Die bestimmten anhand von verschiedenen Eigenschaften den Wert. Und das Kind von Maria und Herrn Fünfsinn hätte, laut der letzten Schätzung auf dem Aktienmarkt, nicht mal annähernd den von den Entführern geforderten Betrag erzielt. So hatten sie sich, dass heißt eigentlich Herr Fünfsinn, entschlossen sich nicht auf die Forderungen einzulassen. In der stillen Hoffnung, die Entführer würden ihren Fehler bemerken und das Kind freilassen.

Doch die hatten keine Ahnung, was die Einschätzung von Kindern betraf und versteigerten das Kind weit unter Preis an eine alleinstehende Dame. Hauptsache die nächsten Tage waren gerettet und die gefährlichsten Spielschulden beglichen.

Die zwei Entführer waren Hütchenspieler und versuchten mit einfachsten Mitteln – einer Nuss und drei Streichholzschachteln – den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Jedoch nicht sehr erfolgreich. Und so hatten sich eine Menge Schulden angehäuft und es entstand die Idee mit der Kindsentführung. Sie investierten ihr letztes Geld in Kinderzeitschriften um den Markt zu studieren. Doch bevor sie sich ein Urteil über Kinder und deren Werte machen konnten, kam ihnen der Zufall zuvor.

In Der Süßigkeitenabteilung eines großen Supermarktes fanden sie ein in einem Einkaufswagen ein dickes Kind, das sich gerade damit beschäftigte noch dicker zu werden. Es stopfte alles in sich hinein, was nicht niet- und nagelfest war. Die Verkäufer waren überglücklich, als sich die beiden als Väter anboten und das Kind mit nahmen. Obendrein gab es noch einige Leckereien für den Weg. Eigentlich eine ganze Menge von Süßigkeiten, denn sie sollten so weit wie möglich verschwinden.

Das Kind hatte, obgleich seiner recht kurzen Lebenszeit, schon mindestens einen Kilometer weiße Gummimäuse und an die hundert Kilo weiße Schokolade gemundraubt. Auch ansonsten schien es eine Vorliebe für Weiß zu besitzen. Denn die Verkäufer, die verpflichtet waren, sich in Weiß zu kleiden, wurden, wann immer sie sich in der Nähe befanden, liebevoll abgetätschelt. Eigentlich eine recht liebenswerte Art. Aber der Junge wusste einfach nicht, wann es genug war. Und so waren sie alle froh über die unerwartete Vaterschaft der beiden Herren.

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Lilly, Gustav, sein Onkel, Charlotte und der noch immer pitschnasse Herr Fünfsinn waren inzwischen ins Haus gegangen. Nachdem Charlotte Herrn Fünfsinn abgefönt hatte, wurde es doch noch gemütlich. Sie saßen um den Kamin aus Pappmache und freuten sich über die schönen Flammen. Gustav und Lilly beschlossen, die Orangen heute erstmal nicht mehr anzusprechen.

16. lieferprobleme bei otto

In der Zwischenzeit hatten Maria und Otto alle Hände voll zu tun, die Getränkehändler zu beruhigen. Denn durch die stagnierende Produktion der Orangenmarmelade, hatte natürlich auch die Produktion, des inzwischen sehr beliebten Energiegetränkes gelitten. Sie bekamen riesige Klagen und ihnen wurde sogar mit rosa Hasen gedroht. Rosa Hasen waren schrecklich. Sie folgten einem auf Schritt und Tritt. Doch das war nicht alles. Sie machten einen lächerlich und man konnte sich nirgends mehr sehen lassen. Das war mitunter das Furchtbarste, was einem passieren konnte.

Otto kam inzwischen mehrmals täglich in Tante Emma Heinrichs Laden und wurde minütlich vertröstet. Er hatte alles probiert. Aber Tante Emma Heinrich blieb hart. Er hatte auch keine andere Wahl. Es gab keine Lieferungen mehr und die restliche Palette Orangenmarmelade hatte er sich zurückgelegt. Er aß mittlerweile jeden Tag ein Glas Marmelade um bei Kräften zu bleiben. Die Marmelade war unglaublich. Sie riss einen aus dem grauen Alltag. Es war ein bisschen, wie Farbe bekennen. Das hatte er sich bisher noch nie getraut. Und auch nie vermisst. Aber jetzt, wo er wusste, wie leicht das Leben sein konnte, wollte er dies auf keinen Fall mehr missen. Das Leben war schön. Und das, durch nur ein Glas Marmelade am Tag.

Maria war sauer. Am nächsten Tag wollte sie selbst die Verhandlungen mit diesem Tante Emma Heini führen. Es lag ihr zwar fern, wieder in die Strasse zurückzukehren, in der sie noch eine Familie hatte, aber sie wollte nicht schon wieder ihre Existenz aufgeben müssen. Sie zog ihr schönstes Kleid an. Knalle rosa mit Fröschen drauf. Das hatte Tante Emma Heinrich immer so gut gefallen. Auf dem Kopf hatte sie einen Hut, der ungefähr ihre Kragenweite hatte. Das verlängerte den Hals optisch ungemein. Vor dem kleinen Laden angekommen, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Hatte Tante Emma Heinrich vielleicht damals doch die Geschichte vom verschwundenen Kind mitbekommen. Es stand ja in allen Zeitungen.

17. das frühstück

Gustav und Lilly hatten Frühstück gemacht. Mit vollem Magen konnte man besser sprechen. Außerdem klang dann die Stimme irgendwie runder. Es gab frittierte Orangen. Charlottes Leibgericht. Denn auf der Farm hatte sie die Hosen an. Gustavs Onkel war als Hobby Travestiekünstler und trug inzwischen auch zuhause nur noch Kleider. Meist aus Tüll. Das raschelte so schön und kratzte ein bisschen. Vor allem, wenn er wieder einmal vergessen hatte, sich die Beine zu rasieren. Charlotte versuchte schon seit längerem, ihn von der Wachstechnik zu überzeugen.

gustavs onkel

Gustavs Onkels Mutter hatte diese Methode auch schon angewandt. Leider war sie sehr praktisch veranlagt und hängte die haarigen und klebrigen Dinger anschließend in die Küche um die unliebsamen Fliegen zu fangen. Seitdem konnte man ihn mit allem jagen, an dem auch nur das kleinste Härchen hätte kleben bleiben können.

Aber Kleider liebte er. Er hatte früher immer mit seiner Mutter Schneewittchen gespielt. Im Laufe der Jahre wurden die Kostüme immer opulenter und sie verbrachten mehr Zeit mit deren Anfertigung, als mit dem spielen. Er konnte sich noch gut an das roséfarbene, mit goldenen Pudeln durchwirkte, tiefschwarz paspelierte und in der Hüfte rüschenreich ausladende Minikleid aus Seidenjersey erinnern, das seine unterbemittelten weibliche Rundungen so schön zur Geltung brachte. Das war süß. Und er konnte, falls er dazu die blondgelockte Perücke trug, die er von seinem Vater zu seinem sechzehnten Geburtstag bekommen hatte, den ganzen Abend auf Kosten der schon etwas angetrunkenen männlichen Dorfbevölkerung einen Sekt nach dem anderen schlürfen.

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Gustavs Onkel erschien diesen Morgen in einem schüchternen Kleid. Nach kurzem hin und her gelang es ihm Platz zu nehmen. Das Kleid blieb in der Ecke stehen. Das lag wohl an Lilly und Gustav, für das Kleid gänzlich unbekannt und deshalb ein wenig beängstigend. Gustavs Onkel saß im Unterkleid, was ihm übrigens weitaus besser stand, als das verschüchterte Kleidungsstück, am Küchentisch.

Nach ein paar Minuten kamen auch Charlotte und Herr Fünfsinn die Treppe runter. Arm in Arm. Und wären sie auf diese Art heil die Treppe runter gekommen, auch sicherlich Bein in Bein. Gustavs Onkel schien dies nicht weiter zu interessieren. Also interessierte es Gustav und Lilly auch nicht weiter. Eigentlich hatte es sie auch nicht wirklich interessiert, denn viel wichtiger war die schnelle Lieferung der fehlenden Orangen. Tante Emma Heinrich schien viel an der weiteren Marmeladeproduktion zu liegen. Es war fast so, als wäre für ihn ein Leben ohne die Orangenmarmelade unvorstellbar.

Charlotte war gerade damit beschäftigt Herrn Fünfsinn zu füttern, als sich das schüchterne Kleid unters Gespräch mischte. Aus der sicheren Ecke heraus, meldete es sich zu Wort. Gustavs Onkel erzählte gerade die Geschichte aus Las Vegas.

gustavs onkel und charlotte

Er studierte damals Grammatik und jobbte in den Semesterferien als rollender Ober in einem Spielcasino. Es war das größte Casino am Platz. Und wegen der teilweise prominenten Gäste, war es für jeden Studenten das Tollste hier zu arbeiten. Gustavs Onkel hatte vierzehn Jahre auf eine freie Stelle warten müssen und bekam schon langsam Schwierigkeiten mit der Uni. Wegen seiner langen Studienzeit. Aber das war egal.

Was konnte man schon mit Grammatik anfangen. Er hatte dieses Fach damals auch nur wegen Charlotte belegt, die sich ebenfalls dort eingeschrieben hatte. Charlotte wohnte im selben Dorf und trug immer die schönsten Kleider. Aber noch schöner war, dass sie genau seine Kleidergröße hatte. Seit er sich erinnern konnte schwärmte er für sie. Vor allem aber für ihre Kleider. Zwei Jahre, nachdem sie sich bei einer Vorlesung über den Genitiv näher gekommen waren, heirateten sie.

Kurze Zeit später ging Gustavs Onkel nach Las Vegas. Er hatte sich ein paar Kleider von Charlotte ausgeliehen (unter anderem auch das schüchterne Kleid) und machte sich auf den langen Weg in eine andere Welt. Er war ein bisschen enttäuscht von Las Vegas. Alles schien aus Plastik zu sein, oder aber, wenn weniger Geld vorhanden war aus Pappmache. Aber das mit den Prominenten stimmte. Wenngleich es auch manchmal C-Prominenz zu sein schien. Wie dieser singende alte Smoking aus Italien, der zwei Monate lang jeden Samstag auf der Nebenbühne die älteren Damen bei Laune hielt. Ansonsten war es eigentlich ganz nett im Casino.

Charlotte begann indes eine kleine Orangenfarm aufzubauen. Sie hatte auf dem Kompost einer kleinen Gärtnerei ein Bäumchen entdeckt. Das sah sehr lustig aus, weil es nur noch vier Blätter besaß, die dackelförmig angeordnet waren. Doch der Gärtner wollte ihr den Baum partout nicht überlassen. Im Gegenteil, er ärgerte sich, dass dieses Geäst noch immer am Leben war und wollte es auf der Stelle zerschreddern. Charlotte gelang es in letzter Sekunde einen kleinen Ast abzubrechen und ihn in ihrer Handtasche verschwinden zu lassen.

Zuhause steckte sie den dünnen haarigen Ast in einen Teller mit Erde. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem kleinen unscheinbaren Stock ein ansehnlicher Baum, der sie um zwei Köpfe überragte. Charlotte entsinnte sich an das Stück Land, dass sie damals von ihren Großeltern geerbt hatte und das seitdem in ihrem Kopf brach lag. Sie pflanzte den Baum genau in die Mitte. Schon im nächsten Sommer bekam er merkwürdige orangene Beulen. Diese anfangs kaum wahrnehmbaren Beulen entwickelten sich sehr rasant zu einer Art postmodernen Orangen. Überdies schmeckten sie ungemein lecker und schienen einen irgendwie zu beflügeln. Das war der Anfang einer neuen Lebensgrundlage, von der sie aber noch nichts wusste.

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18. maria geht zu tante emma heinrich

Mit einem lauten Geklimper der leicht beschellten Tür wurde Maria in Tante Emma Heinrichs Laden empfangen. Es hatte sich kaum etwas verändert in all den Jahren. Selbst das Gemüse in der Auslage wirkte zeitlos. Es glänzte wie eh und je. Maria hatte Glück. Tante Emma Heinrich erinnerte sich an sie, aber glücklicherweise nicht an die tragische Entführung ihres Sohnes.

maria, harald, otto und helene

Sie hatte Harald immer in einen Einkaufswagen gesetzt und in die Süßigkeitenabteilung geschoben. Während Harald Mund raubte was das Zeug hielt, konnte Maria in aller Ruhe die Monatseinkäufe tätigen.Eines Tages aber, war Harald verschwunden. Sie suchte überall. Selbst im Feindesland, der purpuristischen Obst- und Gemüseabteilung und im tiefersinnigen Weinlager suchte sie. Aber Harald blieb verschollen.

Harald hangelte sich, wie schon so oft, durch die essbare Stadt aus Schokolade, Gummibärchen, Keksen und was es sonst noch gab. Doch so sehr er sich auch bemühte, er hatte es nie geschafft alles zu vertilgen. Es schien eine nicht zu lösende Aufgabe seine Mutter glücklich zu machen. Immer wieder schob sie ihn in diese schreiende bunte Welt. Dabei mochte er bunt nicht. Farben waren ihm zuwider. Die Farben waren meist sehr laut und erzählten wirre Geschichten vom Nichtstun. Farben waren in seinen Augen Faulenzer. Weiß mochte er. Das Weiß war ruhig. Wie die Ärzte.

Die Ärzte dokumentierten jeden seiner Bissen und wichen nicht von seiner Seite. Sie waren fast zu einer Art Zweit-, Dritt- und Viertvater geworden. Deshalb entwickelte Harald schon sehr früh eine enge Bindung zu Kitteln. Weißen Kitteln.

Er war gerade dabei sich einen Schokoriegel in das linke Ohr zu stecken, als zwei merkwürdige Vögel ihn mehrfach umkreisten. Einer von ihnen roch wie seine Oma in Italien. Nach Klosterfrau Melissengeist. Er sah aber nicht aus wie seine Oma. Eher wie ein Dackel. Er hatte ein löchriges Fell und die Ohren hatte er sich oben zu einer Schleife zusammengebunden. Der andere der beiden Vögel hatte nichts erwähnenswertes an sich. Und Harald konnte ihn nie wieder in seinem Kopf sichtbar machen. Er verschwand kaum das er da war.

Der Dackel und der Verschwundene begrüßten Harald schrill und kraftvoll mit einem Klaps auf den Kopf. So als wollten sie sagen, genug gegessen für heute, du Schlingel. Dann schoben sie ihn aus dem Supermarkt. Die Ärzte winkten ihnen zum Abschied ein schönes Leben zu. Die beiden setzten ihn in ein weißes Auto und rasten von dannen.

Harald war glücklich. Denn auch innen war das Auto vollkommen weiß. Und ruhig. Es war eine Art Fahrrad mit Autohülle. Der Dackel und sein Kollege traten in die Pedale. Mit Tageslichtgeschwindigkeit sausten sie in die immer näher kommende Nacht hinein. Dann waren sie weg. Als sie wieder auftauchten lagen sie an einem Strand in Kuba. Es war sehr heiß. Harald hatte den Dackel im Arm und der Verschwundene war verschwunden. Über ihnen hing ein Papagei im Baum. Er ließ die Beine baumeln und summte kubanische Liebeslieder. Plötzlich fiel der Papagei vom Ast und landete direkt auf Haralds Kopf wo er auch den Rest der folgenden Reise in Form einer Mütze sitzen blieb.

Als der Dackel, an Haralds Hemd nuckelnd erwachte, schaute er sich kurz um und nahm dann Fahrt auf. Harald wurde vom Dackel mitgerissen und hätte fast seine neue Mütze verloren. Sie bezogen ein kleines Zimmer in einer Studentenpension. Auch das Bett bezogen sie. So war das bei Studenten. Sie lagen den ganzen Tag vorm Fernseher und schauten Werbung. Der Dackel und seine bisher recht gute Laune verschwanden ab und an. Irgendwann kam nur noch der Dackel wieder.

Nach ungefähr drei Wochen verließen sie Kuba. Die plappernde Mütze kam auch mit. Harald wurde an eine nette Dame weiter gereicht und der Papagei kam in ein Heim. Harald mochte die Frau. Sie war eine reisende Krankenschwester und trug meist weiß.

Und wenn sie ihn nicht ständig in diese viel zu weiten und bebeulten Cordhosen gesteckt hätte, wäre Harald rundum glücklich gewesen. Sie reisten um die ganze Welt. Denn Krankenschwestern waren selten und deshalb überall gefragt. Meist wurden sie im Krankenhaus einquartiert. So konnte Helene, Haralds Ziehmutter, 24 Stunden am Tag arbeiten. Ab und an stellte sie sich zum schlafen in eine Ecke. Sie nutze die Patientenunterlagen als Kopfkissen in dem sie sie zwischen ihren Kopf und die Wand klemmte. Und wenn zufällig jemand vorbei kam, dann tat sie so, als wäre sie in ein Selbstgespräch mit den Papieren vertieft.

Harald unterhielt sich gerne mit den Kranken. Vor allem die Herzpatienten mochte er. Da wusste man wenigstens, dass sie überhaupt ein Herz hatten. Denn die Zeiten war hart und die Beherzten rar. Ab und an führte ihn einer der führenden Herzchirurgen ins Kasino. Dort saßen schlecht bekleidete Besserbetuchte an viel zu großen Tischen und bewarfen die Kasinoangestellten mit Plastikgeld. Zum Glück konnten sie schlecht zielen, so dass es nur selten zu Verletzungen kam. Meist landete das wertvolle Plastik auf dem Tisch. Dann lenkten die Kasinoangestellten die Betuchten mit einer Kugel auf einer Drehscheibe ab und sammelten schnell das Plastikgeld ein. So ging das den ganzen Abend. Harald gefiel dieses seltsame Spiel. Und das Kasino sollte bald zu seiner zweiten Heimat werden.

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Tante Emma Heinrich war untröstlich Maria in keiner Weise weiter helfen zu können. Dabei hätte er das nur zu gerne getan. Schon damals hatte sie sein Herz im Flug erobert. Er lag wie gewöhnlich auf dem Boden und sortierte Erbsen und Möhrchen, als Maria in seinen Laden geplumpst kam. Direkt auf ihn drauf. Und weil das so gemütlich war auch noch gleich für eine Stunde auf ihm liegen blieb.

Es war fast wie früher. Und selbst das Kleid mit den schielenden Kröten schien sich nicht verändert zu haben. Naja, vielleicht schielten sie jetzt nicht mehr unbedingt in seine Richtung – aber sonst. Die Falten des Rockes standen nach wie vor geradlinig in einer Reihe. Sie schnarchte ihm direkt ins Auge. Noch nie hatte Tante Emma Heinrich so etwas wunderschönes gesehen. Marias zwiebeliger Atem umhüllte ihn wie eine Wolke. Alles schien sich aufzulösen. Die Erbsen tanzten mit den Möhrchen und der Rest des Ladens klatschte im Takt. Bis auf die Ananas. Die Außenseiter machten mal wieder nicht mit.

Maria wollte Orangenmarmelade. Aber nur die Charlottenorangenmarmelade. Das war ein Problem. Er besaß nur noch eine Palette. Und die benötigte er für sich selber. Es war unklar, ob, und wenn – wann, es wieder Nachschub geben würde. Lilly und Gustav waren schon vor einigen Tagen aufgebrochen, um neue Orangen für die Produktion aufzutreiben. Doch bisher hatten sie sich noch nicht gemeldet. Er konnte die restliche Marmelade nicht verkaufen. Egal zu welchem Preis.

19. die verhandlungen

Nach dem Frühstück bekamen Lilly und Gustav von Herrn Fünfsinn die Plantage gezeigt. Charlotte und Gustavs Onkel hatten sich zu einem intimen Gespräch ins Badezimmer zurückgezogen. So intim, dass sie selbst den Badvorleger vor die Tür legten.

hier endet die geschichte vorläufig – da sich freuleinzapf in ihrer eigenen geschichte verirrt hatte…..

danke an pixabayunsplash – pexels für die kostenlosen bilder